Health · Idee

Interoperabilität ist kein Standardproblem

Die Formate sind da, die Schnittstellen beschrieben, die Standards seit Jahren beschlossen. Trotzdem faxen Praxen. Das Problem liegt nicht in der Technik.

Philipp Neuberger · Juli 2026 · Lesezeit 2 Min.

In vier Sätzen

  • Technisch ist Interoperabilität weitgehend gelöst. Wirtschaftlich ist sie ungelöst.
  • Datensilos sind kein Versehen, sondern oft ein Geschäftsmodell.
  • Wer Daten festhält, verteidigt einen Vorsprung, der die Versorgung ausbremst.
  • Junge Anbieter können hier gewinnen: Wer Export und offene Schnittstellen von Anfang an anbietet, wird zum bevorzugten Partner.

Das technische Problem ist kleiner als der Ruf

Es gibt Formate für fast alles, was zwischen zwei Systemen im Gesundheitswesen fließen muss. Es gibt Referenzimplementierungen, Testumgebungen und genug Menschen, die das bauen können. Wenn zwei Häuser wollen, sind ihre Systeme in überschaubarer Zeit verbunden.

Wenn also die Technik nicht die Bremse ist, lohnt der Blick auf die Frage, wem der Zustand nützt. Meist ist die Antwort unangenehm einfach.

„Wer Daten festhält, hält keinen Vorsprung — er hält den Patienten fest."

Silos sind ein Geschäftsmodell

Ein System, aus dem Daten schwer herauskommen, bindet seine Kunden. Das ist kein Zufall und selten Böswilligkeit — es ist eine Kalkulation, die über Jahre funktioniert hat. Jede Exportfunktion senkt die Wechselhürde, und Wechselhürden waren lange das stabilste Asset in diesem Markt.

Der Preis dafür wird an anderer Stelle bezahlt: von der Ärztin, die dieselben Werte dreimal abtippt, von der Pflege, die auf einen Brief wartet, und von Patienten, die ihre eigene Geschichte in Kopien mit sich herumtragen. Wer Daten festhält, hält keinen Vorsprung — er hält den Patienten fest.

Was ein junges Team daraus machen kann

Genau hier liegt eine Chance. Wer neu baut, hat keine Altlasten zu verteidigen und kann das Gegenteil zum Versprechen machen: dokumentierte Schnittstellen, vollständiger Export ohne Verhandlung, Daten, die den Menschen gehören, über die sie handeln. Das kostet einen Verteidigungsgraben und bringt etwas Besseres — Partner, die anschließen wollen.

Mein Maßstab bei Health-Produkten ist deshalb simpel geworden: Ich frage nicht, welche Standards unterstützt werden. Ich frage, wie lange es dauert, alle Daten wieder herauszubekommen. Die Antwort sagt mehr über ein Unternehmen als jede Roadmap.

Fragen dazu

Warum funktioniert Interoperabilität im Gesundheitswesen so schlecht?

Nicht wegen fehlender Standards, sondern wegen fehlender Anreize: Systeme, aus denen Daten schwer herauskommen, binden ihre Kunden. Datensilos sind oft Teil des Geschäftsmodells.

Was können junge Health-Anbieter besser machen?

Offene, dokumentierte Schnittstellen und vollständigen Datenexport von Anfang an anbieten. Das macht sie zum bevorzugten Partner in einem Markt, der von Anschlussfähigkeit lebt.

Woran erkennt man ein anschlussfähiges Health-System?

An der Zeit, die es braucht, alle Daten wieder herauszubekommen — ohne Verhandlung, ohne Projekt, ohne Aufpreis.

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